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Die Sicherung beim Hundefriseur

1. Sept.
4 Min. Lesezeit

Alle Hundefriseure, die ich kenne, nutzen zur Verhinderung, dass der Hund vom Tisch springt, eine dünne Schlaufe, die sie um den Hals legen und nennen es Sicherung. 


Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde sich im Auto den Sicherheitsgurt um den Hals legen.


Warum springt denn ein Hund vom Tisch? In der Regel, weil er Angst hat und/oder in Panik geraten ist. 


Aber warum hat denn der Hund Angst? Denn eigentlich tut das Schneiden der Haare nicht weh (außer, man schneidet die Tasthaare ab). Aber viele Faktoren führen dazu, dass der Hund sich zumindest unwohl fühlt. Wenn das Fell verfilzt ist, ziept es beim Kämmen. Älteren Hunden fällt es schwer, lange zu stehen. Erst Recht, wenn kleine Klumpen in den Pfoten sind. Gerade im Sommer treten sich die Hunde gerne Grannen oder Kletten ein. Es kann auch sein, dass Hunde Arthrosen in diversen Gelenken haben und es deswegen nicht mögen, wenn man mit der Schermaschine an die Stellen kommen oder Probleme haben, wenn man die Pfoten in bestimmte Stellungen hält.


Aber der wahrscheinlich größte Faktor ist folgender: Dadurch, dass die Halsschlaufe zur “Sicherung” sehr schmal ist, reicht schon ein leichter Druck´auf den Vagus-Nerv, Arterien und die Luftröhre  aus (wenn der Hund zum Beispiel etwas zappelt), um den Hund in Todesangst zu versetzen. Jetzt kommt das Argument: Ja, aber die Schlaufe ist ja nicht richtig fest, da ist ja Luft zum Hals. Richtig, aber die Luft ist HINTEN, wo die Muskulatur sitzt. Da Hunde im Gegensatz zu uns den Kopf vor dem Körper tragen, ist die Muskulatur nicht gleichmäßig um den Hals verteilt, sondern hauptsächlich an der Rückseite. VORNE dagegen drückt die Schlaufe in den Körper. 



Jetzt passiert folgendes: Der Selbsterhaltungstrieb setzt ein, und je nach Hund sieht das Ergebnis anders aus. Säugetiere haben bei Stress eingeschränkte Möglichkeiten. Aber auch bei uns Menschen reagiert der Körper auf Stresssituationen mit der Vorbereitung auf Kampf oder Flucht. Der Hund hat in der Situation folgende Möglichkeiten:


  1. Kampf: Der Hund beißt um sich. Als aggressiver Hund abgestempelt ist er im besten Fall bei der Hundefriseurin unten durch und muss da nicht nochmal hin. Im schlechtesten Fall wird er bestraft und fertig gemacht, was ggf. zu einer erlernten  Hilflosigkeit führt (siehe 3.).

  2. Flucht: Der Hund versucht vom Tisch zu springen.

  3. Freeze: Der Hund erstarrt in Todesangst. Das wird dann als “brav” oder “entspannt” verkauft. Man sieht das aber daran, dass der Hund einen leeren Blick bekommt. Eine Folge kann sein, dass der Hund in die Erlernte Hilflosigkeit fällt. Bei Menschen kann das auch passieren. Zum Beispiel bei Frauen, die z.B. von ihrem Mann regelmäßig vergewaltigt und/oder geschlagen werden. Anfangs wehren sie sich noch, aber irgendwann geben sie auf und lassen alles über sich ergehen. Deswegen reicht es auch später die Halsschlaufe ganz locker um den Hals zu legen. Und hier hilft dir ein Blick in die Fotogalerie. Sind Hunde mit einer Schlaufe um den Hals zu sehen? Dann weißt du Bescheid.


Und wenn man jetzt weiter denkt, dann sieht man auch schon die Lösung für das Problem: Ich versetze die Hunde einfach nicht in Todesangst. 


Mir sind 4 mögliche Lösungen eingefallen:


  1. Sicherung wie beim Sicherheitsgurt

Und als ich so über das Beispiel mit dem Sicherheitsgurt nachdachte, kam mir eine Lösung in den Sinn: Ich nutze die Halsschlaufe (oder bei großen Hunden alternativ den Bauchgurt und lege ihn wie den Sicherheitsgurt beim Auto statt um den Hals auf einer Seite an den Hals, dann schräg an der Brust entlang und führe ihn hinter dem Vorderbein nach oben. 




  1. Aufbau eines Kooperationssignals

Mir ist als erste Lösung eingefallen, dass man dem Hund ein sog. Kooperatiossignal beibringen kann. Ich nehme dazu ein Kinntarget. Das heißt, der Hund legt sein Kinn auf meine Hand als Zeichen, dass es ok für ihn ist. So lange das Kinn die Hand berührt, kann man hinten kämmen oder andere Sachen machen. Nimmt der Hund den Kopf weg, höre ich sofort auf damit. Jetzt kommt der Einwand: Aber dann macht er ja gar nicht mit. Und wissenschaftliche Untersuchungen haben das genaue Gegenteil bewiesen. Dadurch, dass der Hund weiß, dass er jederzeit aufhören kann, wird er sich bemühen, seinem Menschen zu gefallen und mitzumachen (und natürlich gibt es tolle Leckerlis dafür, dass er mitmacht).


Podenco-Mix demonstriert auf dem Friseurtisch das Kooperationssignal
Ronny zeigt, wie ich das Kinntarget als Kooperationssignal nutze

  1. Auf die Seite legen. 

Als dritte Möglichkeit kann man dem Hund das entspannte Liegen auf der Seite beibringen. Dadurch kann man auch perfekt an die Pfoten und die Möglichkeit ist für ältere Hunde gut geeignet, die nicht mehr so lange stehen können. Denn ein Hund, der auf der Seite liegt, kann schlecht vom Tisch hüpfen. 



  1. Von einer weiteren Person festhalten lassen

Alternativ kann man den Hund auch von einer Vertrauensperson, wie seinem Halter oder einem Mitarbeiter festhalten lassen. Ich habe festgestellt, dass manche Hunde super entspannen, wenn sie wie ein Baby im Arm gehalten werden.




Bei so vielen Möglichkeiten muss man schauen, welche für den jeweiligen Hund am angenehmsten ist. Und natürlich sollte man auch die Körpersprache von Hunden lesen können. Ich habe schon öfter von Hundefriseuren gelesen, dass der Hund ohne Vorwarnung vom Tisch gesprungen ist. Das machen Hunde nicht. Mit Empathie und Wissen über Hundeverhalten sieht man dem Hund an, wenn er vor hat vom Tisch zu springen. 

 
 
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